Montag, 3. Oktober 2011

Hampden Estate

Einem der am besten gehüteten Geheimnisse der internationalen Welt des Rums auf der Spur …

HIERZULANDE FINDET MAN die guten Tropfen nur von unabhängigen Abfüllern wie zum Beispiel ›Cadenheads‹, ›Bristol‹ oder ›Berry Brothers‹, allerdings immer seltener. Er wird von Rum- Kennern gesucht, und dabei tun sie derart geheimnisvoll, als ginge es darum, den heiligen Gral zu finden. Die Rede ist von alten Rums der Brennerei ›Hampden Estate‹.

BEI MEINER LETZTEN JAMAIKA-REISE hatte ich das Glück, die Destillerie ›Hampden Estate‹ besuchen zu können. Da die verstaatlichten Destillerien auf Jamaika nicht gerne gezeigt werden –
lediglich bei Appleton gibt es Besuchertouren –, war es schwierig, den richtigen Kontakt zu finden. Endlich, nach Monaten sowie etlichen E-Mails und Telefonaten, stand die Verabredung. Das Treffen könnte man auch als konspirativ bezeichnen! Als Treffpunkt wurde eine Autobahnabfahrt unter einer Brücke ausgemacht. Kaum waren wir angekommen hielt hinter uns ein großes Auto, aus dem die beiden Hussey Brüder ausstiegen und uns aufforderten ihnen zu folgen. Auffällig war, dass kurz vorher ein Polizeiwagen auf der anderen Seite hielt und uns zu beobachten schien. Außerdem war noch ein zweites Auto von Everglades Farm als Begleitschutz dabei. Im kleinen Konvoi fuhren wir also los, dazu muss man sagen, dass Auto fahren auf Jamaika kein Vergnügen ist. Nach einer halbstündigen Fahrt die gefühlt mindestens doppelt so lange dauerte, wurden wir belohnt.

BEVOR MAN DIE DESTILLERIE sehen kann, kann man sie riechen – unglaublich, wie rumgeschwängert die Luft in einem Umkreis von fünfhundert Metern sein kann. Wir fuhren also auf das Gelände – und mein erster Gedanke war: »Über diesen Ort muss Captain Morgan gerade eben mit seinen Mannen hergefallen sein.« Ruinen, bis auf die Grundmauern niedergebrannt, und Maschinen, die aussahen, als wären sie auf einem Schrottplatz abgestellt. Allerdings hatte dieser Anblick auch seinen Reiz, erhöhte er doch meine Spannung auf die Geheimnisse, die ich hier zu entdecken hoffte.

Das Gebot der Stunde: Aus Ruinen auferstehen
DER DESOLATE ZUSTAND, der sich bei unserer Ankunft offenbarte, ist zurückzuführen auf die fatale Misswirtschaft der letzten Jahrzehnte, als ›Hampden‹ immer mal wieder über längere Zeit verstaatlicht war. Der Vater von Andrew und Percy Hussey konnte das nicht mehr mit ansehen, und so kaufte er im Jahre 2009 ›Hampden Estate‹ sowie die Zuckerrohrfelder von Long Pond. Allerdings stellte sich schnell eines heraus: Damit war es nicht getan. Noch eine Menge Arbeit und eine weitere Investition von rund sechs Millionen US-Dollar waren nötig, um hier wie-
der alles auf Vordermann zu bringen. Wenn man sieht, wie hier einst gearbeitet wurde, erklärt sich auch, warum es auf Jamaika nur noch sechs Destillerien gibt. Profitabel konnte man jedenfalls so nicht arbeiten – kein Wunder, dass bestimmte Anlagen nur ungern gezeigt werden. DIE FAMILIE HUSSEY IST DABEI, alles wiederherzustellen und aus dem Schrottplatz eine Art produzierendes Museum entstehen zu lassen. Sie versucht, so viele Maschinen und Geräte wie möglich zu restaurieren, sucht auf der ganzen Insel nach Teilen und Maschinen, und nur das, was nicht zu reparieren ist, wird ersetzt. Ein Mammutprojekt.

WAS ABER MACHT den Rum dieser Destillerie so besonders? Es kann nicht die Art und Weise sein, wie er produziert wird, denn das geschieht noch genau wie vor zweihundertfünfzig Jahren. Speziell wir Deutschen haben eine besondere Affinität zu jamaikanischem Rum – schließlich sind
der gute alte ›Pott‹ wie auch der ›Hansen‹, um nur die beiden wohl bekanntesten Marken zu nennen, genau aus diesem Stoff entstanden. NACHDEM IM DEUTSCHLAND des 18. Jahrhunderts zum Schutz der einheimischen Industrie die Zölle stark erhöht wurden, lohnte der Kauf von jamaikanischem Rum nicht mehr. Allerdings war genau dieser Rum sehr beliebt, der vor allem über Flensburg, das damals zu Dänemark gehörte, zu uns kam. Auch in Jamaika stand man vor einem Dilemma, und es wurde fieberhaft nach einer Lösung gesucht. Not macht bekanntlich erfinderisch: Der Rum wurde von nun an unverdünnt in der höchstmöglichen Alkoholstärke und mit dem höchstmöglichen Aroma verkauft, also praktisch als Konzentrat. Das wurde dann mit Neutralalkohol und Wasser verdünnt, und so konnte man aus einem Fass Rum, das man bezahlt und verzollt hatte, verdammt viele Fässer entstehen lassen. Der Siegeszug des jamaikanischen Rums konnte sich fortsetzen.

UM EINEN SO EINMALIGEN RUM, wie er bei ›Hampden Estate‹ produziert wird, bedarf es vieler Arbeitsschritte. Zunächst muss die Melasse extrem lange fermentiert werden, was hier, eingeleitet mit einer eigens gezüchteten Hefe, lange zwei Wochen dauert. Bei diesem Herstellungsschritt wird der Grundstein für jenes einzigartige Aroma gelegt, das wir gerne mit Weihnachten und mit Grog in Verbindung bringen. Zur Fermentation werden außerdem Skimming, also der Schaum, der bei der Fermentation entsteht, und Dunder dazugegeben, jene Substanz, die sich während der Fermentation am Boden absetzt, das heißt: Es werden immer Stoffe aus dem vorherigen Durchlauf verwendet – ein enormer Aufwand (und einer, der höchst selten betrieben wird). Der Dunder wird übrigens unter freiem Himmel in Gruben aufbewahrt, die nur mit Stroh abgedeckt sind. Niemand weiß, wie tief diese Gruben sind, und es nicht geraten, das auf eigene Faust herausfinden zu wollen. DER ENORME AUFWAND, der hier betrieben wird, geht aber noch weiter. In einige Fässer wird einheimisches exotisches Obst gegeben, das im Laufe der Zeit darin vergärt und später dem Rum zugesetzt wird. Alles wie vor zweihundert- fünfzig Jahren. Selbst die Fässer sind teilweise so alt.

WENN DIE LANGWIERIGEN PROZESSE abgeschlossen sind, ist die Destillation an der Reihe. Sie wird in den alten Pot Stills vollzogen und trägt einen weiteren Teil zur Intensität des Rums bei. Zur Verfügung stehen insgesamt drei Pot Stills, zwei alte und eine neue. An diesen Pot Stills befinden sich jeweils zwei Kolben für die sogenannten hohen und tiefen Weine. Ist die Destillation abgeschlossen, werden die Destillate auf bekannte und übliche Weise gelagert.
ALS DIE FAMILIE HUSSEY ›Hampden‹ übernahm, war kein gelagerter Rum mehr vorhanden, und so fängt man jetzt praktisch bei Null an. Zur Zeit werden deshalb zwei neue Lagerhäuser gebaut, um den jungen Rum überhaupt lagern zu können.

NA JA, NICHT GANZ BEI NULL, denn den ersten Rum gibt es schon. ›Rum Fire‹ heißt er, ist ein Overproof mit 63 Volumprozent und typisch für Jamaika. Er wartet mit einer unglaublich inten- siven Nase von überreifer Banane und exotischen Früchten auf – und riecht übrigens genauso wie die Luft auf dem Gelände. Sicher nicht für jedermann zum pur Trinken, obwohl das gut geht, dafür aber ein toller Rum zum Mixen, für Drinks wie beispielsweise ›Mai Tai‹ und einen kräftigen ›Daiquiri‹.

DER ZUKUNFT VON ›HAMPDEN‹ kann man entspannt entgegensehen. Ich jedenfalls freue mich schon auf die ersten gelagerten und geblendeten Abfüllungen. In Deutschland wird er sich übrigens zum ersten Mal auf dem ›German Rum Festival‹ präsentieren, zu dem die Familie Hussey eigens anreist.






Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel!
    Wenn man die Bilder betrachtet, wird man eher an eine Geisterstadt erinnert, als an eine (inzwischen ja nicht mehr) ehemalige Rumdestillerie.
    Ich bin sehr gespannt, wie sich die Produkte aus dem Hause nun entwickeln werden, der Ansatz klingt vielversprechend.

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Auch mein Dank für diesen überaus interessanten Bericht!

    Auf den Rum Fire bin ich schon sehr neugierig und ich hoffe, dass er nach dem Rumfest zu beziehen ist. Und vielleicht wird es dann ja in 10 bis 15 Jahren wieder einige spannende Cadenhead's Abfüllungen aus der Hampden Estate geben.

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  4. Toller Artkel und schöne Bilder. Interessant mal zu sehen wie der Rum auf Jamaika hergestellt wird.

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